Hamlet gesucht

mit Benedikt Freitag
Bad Hersfelder Festspiele, 22. Juli 2011

Ah, die Erntezeit. In unsere Erdbeer- und Himbeergärten kommen die Münchner und pflücken sich alljährlich durch unsere paradiesischen Früchte. 2 Monate realer Irrwitz sind nun um heuer - und die Woche soll regnerisch sein. Regen im Paradies. Eine Woche also reif für eine kleine Flucht.

Ich könnte auch wieder einmal etwas Abwechslung gebrauchen - und meine Gedanken wandern zu "Hamlet" - ein bischen harmloser Mord und Todschlag auf der Bühne - das klingt gut! Und das es bei den Bad Hersfelder Festspielen ist, und 400 km zu fahren sind, erhöht den Reiz eher - wieder einmal hinter's Steuer setzen, und fahren, nur fahren, ins Unbekannte und der Horizont ist das Ziel.

Theater besuche ich nur, wenn ich halbwegs sicher sein kann, dass es eine gute Aufführung sein wird - nichts finde ich schrecklicher, als Schauspielern, auch guten, bei etwas zusehen zu müssen, dass mehr Schein als Sein ist. Aber hier spielt der Benedikt mit, und das bischen, dass ich von ihm kenne läßt mich hoffen... und natürlich ist er Olivers Bruder.

Also gesagt - getan.

Der Freitag soll es sein, die Vorstellung beginnt da um 21:30 h, das gibt mir genug Zeit, meine Arbeit zu erledigen und dann so gegen 2 oder 3 Uhr loszufahren. 6 oder 7 Stunden Zeit - für 400 km Autobahn, da kann ich es gemütlich halten, denke ich, und es ist auch Zeit für diese oder jene Pause... und ein bischen Stau sollte man am Freitagnachmittag vielleicht auch einkalkulieren - und schon stehe ich - gleich hinter München auf der A 9! Das erste Stauerlebnis habe ich eine Dreiviertelstunde später hinter mich gebracht - im strömenden Regen, der aber langsam nachläßt, je weiter ich mich von München entferne. Irgendwie beruhigend - wenn man gerade zu einer Vorführung auf einer Freilichtbühne fährt!

   
 

Endlich sind die Straßen ganz trocken, ich wechsle auf die A 3, hänge Gedanken darüber nach, was man am besten im Theater im Freien anzieht - und schon wieder verlangsamt sich alles vor mir bis zum Schneckentempo! Na bravo! Zweite Autobahn, zweiter Stau. Aber diesmal dauert es nur eine halbe Stunde! Wir machen Fortschritte - ist das nicht schön?

Und noch einmal Wechsel der Autobahn - jetzt auf die A 7, jetzt heißt es etwas flotter sein, und es geht dahin, immer der Nase nach, fast immer auf der Überholspur, euch zeig' ichs! Hier schaut es gar nicht mehr nach Stau aus, dahin, dahin, .... oh nein! Was ist das? wieder blinken Warnlichter vor mir - und nicht zu fassen! Stau! Und nach 10 Minuten wird klar - es geht erst einmal gar nichts mehr. Die große Auto-Anaconda ist zum totalen Stillstand gekommen und ich mittendrin.

 

Als der Verkehrsfunk freundlicherweise darüber informiert, das es eine Totalsperre gibt, wegen eines brennenden Lkws, finde ich das fast witzig - mein Weg zu Hamlet, gepflastert mit toten Autos?

Und noch bin ich guten Mutes - so lange kann das ja wohl nicht dauern, ich kann es immer noch schaffen - aber vielleicht sollte ich mich schon einmal an die Malerarbeiten machen?

Nackt im Gesicht will man sich ja auch nicht zeigen, ein wenig Eitelkeit gestehe ich mir jederzeit zu. Die Farbtöpfe werden aus dem Kofferaum geholt und los gehts.

Traditionsgemäß machen wir Frauen das ja an jedem möglichen Ort, wenn's sein muß, und an dem ein Spiegel zur Verfügung steht. Bridget Jones läßt grüßen, gab es da nicht diese witzige Szene, wie sie sich auch im Auto schminken muß - und beim Aussteigen aus dem eher dunklen Fond des Wagens bunt wie ein Clown aussieht?

Na ja, das wird mir eher nicht passieren, hier ist es ganz schön hell, kein Wunder, im Juli, gegen nunmehr 20:00 Uhr! Ich bin fertig. Wir stehen immer noch.

Der Verkehrsfunk wiederholt schön regelmäßig alle Viertelstunde die gnadenlose Botschaft - jetzt 6 km Stau, nun 10, 12, 16, 18 km! Am Himmel finden grandiose Wolkenspiele statt, und als es schließlich auf halb Zehn zugeht, bleibt mir nichts als wehmütig an die Schauspieler zu denken, die jetzt vor dieser tollen Naturkulisse ihr Spiel beginnen.

Ohne mich. Ich denke an die 47 Euro für die Karte, die an der Abendkasse hinterlegt ist. Sakradi, verflixt und zugenäht, Himmiherrgottkruzitürken. Einmal wenn ich ganz ohne Abenteuer nur einmal schnell in's Theater gehen will...

Und endlich! es geht weiter. Vorbei an dem wal-gleichen Lastwagen, der gestrandet auf der Seite liegt und immer noch raucht. Umgeben von roten Feuerwehrfahrzeugen mit gespenstisch blinkenden blauen Lichtern.

         
 

Jetzt aber aufgedreht! Die Autobahn hinter der Unglücksstelle ist leer, und mein feuerroter Seat Ibiza, der im Herzen ein Ferrari ist, darf zeigen, was er kann! Vielleicht schaffe ich es ja noch zur Hälfte des Stückes! Es sind ja nur noch 100 km bis Bad Hersfeld, doch da habe ich die Rechnung ohne die Bad Hersfelder gemacht.

Klar, ich bin um Viertel nach Zehn in der Stadt, doch der getreue Navigator hat mich direkt vor einen Poller mitten in der Straße geführt, hinter dem mein Hotel liegt - nur 300 m entfernt - aber unerreichbar über diesen Weg. Und alles ist hier so verbaut, dass es in Sackgassen endet! Das gibt es doch wohl nicht. Jetzt ist mein Herz rabenschwarz - wollen die mich hier in den Wahnsinn treiben? Soll ich mich im nächsten Bach ertränken? (Also, so schnell jetzt auch nicht! ich bin doch nicht verrückt - noch nicht!)

Es gelingt mir schließlich doch, das Hotel zu erreichen, ich lasse mir den Weg beschreiben zur Stiftsruine - zu Hamlet, und mache mich zu Fuß auf den Weg, durch die Dunkelheit mitten in der Nacht in einem kleinen Ort, kein Hinweisschild, gar nichts, keine Leute - Hilfe!!! Irgendwie schaffe ich es doch - nicht ohne ein paar harmlose Bad Hersfelder Nachtspaziergänger zu erschrecken, die ich aus der Dunkelheit mehr oder weniger anspringe - jetzt will ich's wissen! Und nein, ich bin kein Geist!!!

An der Stiftsruine angekommen sehe ich eine erleuchtete Portiersloge, und erzähle meine Geschichte. Wie sich herausstellt, bin ich hinter der Bühne, und ein paar freundliche Seelen erbarmen sich meiner - vielleicht kann ich ja von hinter der Bühne - bzw mehr so seitlich, noch ein bischen was von der letzten Viertelstunde der Aufführung mitbekommen? Na immerhin. Ich höre mehr als ich sehe, aber das ist doch so viel, dass ich nun weiß, was ich verpaßt habe, und das ich etwas verpaßt habe.

 

Selbst Benedikt bekomme ich kurz zu Gesicht - er huscht an mir vorbei auf die Bühne, bekleidet mit einem Morgenmantel. Und was mache ich jetzt? Eigentlich müßte ich morgen gleich in der Früh wieder zurückfahren, andererseits gäbe es auch morgen noch eine Hamlet-Aufführung, diesmal um 17:00 h, aber macht das Wetter mit? Ist überhaupt noch eine Karte zu bekommen für morgen? WILL ich überhaupt morgen noch hier sein? Tja, sein oder nicht sein.... das ist hier die Frage.

(Und wie geht's weiter? Läßt sich die unfreiwillige Abenteuerin auf einen weiteren Tag ein? Wird sie Hamlet - und Claudius, wegen dem sie ja gekommen ist, jemals auf der Bühne sehen? Oder gar treffen? Das erfahren Sie morgen, lieber Leser, im nächsten Teil der Geschichte)

         
     
rg/ 15. September 2011